Zuhören und lauschen

Zuhören und lauschen (oder – erst kommt die Lösung, dann das Problem)

26.10.2020

Schmerz und Leid scheinen uns oft dazu aufzurufen, die Dinge sofort lösen zu wollen. Ganz besonders, wenn uns Freunde, Verwandte oder Kollegen etwas erzählen, was sich für ihr Empfinden unangenehm ereignet hat. Wir haben meistens sehr schnell den einen oder anderen gut gemeinten Ratschlag, wie sich etwa Liebeskummer oder sich wiederholende Mechanismen in Beziehungen kompakt und leicht lösen lassen. Warum aber lösen sich die Dinge dann nicht so schnell und einfach, wie wir sie aus unseren unbewussten Konzepten zaubern?

Wenn uns eine vertraute Person etwas von ihrem Leid erzählt, und sei es auch noch so klein, dann haben wir sehr schnell Antworten parat wie: „Kannst du nicht das und das ausprobieren?“ oder „Du musst jetzt mal damit aufhören.“ „Warum kannst du nicht…“ „Ich habe dir ja schon so oft gesagt…“ „Mach doch einfach…“ usw.

Wenn uns jemand seine Sicht der Dinge schildert oder sein Leid klagt, dann möchte er meistens zunächst einmal, dass diese Klage wahrgenommen wird, dass sie Raum hat. Dann fragt er zunächst nach einem wirklichen Zuhörer, nach jemandem, der still genug ist, um zu hören. Jemand der still genug ist, um das Gesagte aufzunehmen, und zwar zunächst ohne etwas dagegen oder dafür zu tun. Bevor wir also etwas tun, müssen wir zuhören. Und zuhören bedeutet, dass ich mit all meinen Sinnen versuche, die andere Seite mit allem, was dazu gehört, da sein zu lassen. Das schaffe ich, indem ich selbst still und leer werde, und dennoch präsent bleibe.

Das haben wir nicht gelernt. Es gibt kein Schulfach, das uns ein Bewusstsein hierfür vermittelt und auch sonst wenig Vorbilder, die mit ihrer Aufmerksamkeit einen Raum öffnen, in dem der sich Mitteilende sich bewegen kann. Was wir gelernt haben ist, dass für jede emotionale und konfliktreiche Unebenheit sofort eine Lösung her muss. Ungereimtheiten und verschiedene Meinungen zu ein und derselben Situation sind eine Bedrohung, zumindest, wenn sie aus dem vorgegebenen Rahmen fallen.

Wenn wir lernen, uns gegenseitig wirklich zuzuhören, ergeben sich die „Lösungen“, die wir normalerweise viel zu oft vorschnell aus dem Hut zaubern, ganz von selbst. Das bedeutet nicht, dass sich plötzlich alles perfekt und gut anfühlt. Es bedeutet aber, dass das, was sowieso da ist (z.b. ein ungutes Gefühl, eine Unsicherheit, ein Schmerz) – dass das sein darf.

Beim wahrhaftigen Zuhören bekommt der Schmerz, die Angst oder was auch immer, eine Existenzberechtigung, die diesem Gefühl den Anschein eines „Feindes“ nimmt, weil es den Widerstand dagegen raus nimmt. Erst dann kann so ein ungutes Gefühl von allein gehen. Und erst dann kann eine Entscheidung getroffen werden, die diesem Gefühl „entgegen kommt“. (Ines Otto, 26.10.2020)