Vision und Sehnsucht

Vision und Sehnsucht

30.12.2020

Wer kennt das nicht: irgendwo wollen wir alle hin, irgendetwas will jeder von uns erreichen. Wir haben alle kleine oder große Ziele. Und wir haben die unterschiedlichsten Motive dafür.

Das Motiv für unsere Ziele zu untersuchen und wo es her kommt, ist ein wichtiger, wenn nicht sogar essenzieller Punkt auf dem Weg zu dem, was wir erreichen wollen. Es ist wie bei der Planung einer Reise: um irgendwo hinzukommen müssen wir wissen, wo wir sind – und dort mit unserem ganzen Sein anwesend sein.

Haben wir ein bestimmtes Image, ein festes Bild, was uns ausmachen sollte, was wir erreichen wollen? Und kommt dieses Bild von außen? Oder ist dieses Bild fest in uns verwurzelt, weil es uns eh ausmacht, weil es der „Schatz“ ist, den wir in uns selbst tragen?

Und wenn es unser eigener „Schatz“ ist, brauchen wir dann überhaupt noch das Image dazu, also das deutliche nach-außen-zeigen, wer oder was ich bin? Oder reicht es dann nicht, und macht uns viel reicher, wenn wir genau diese Wurzeln für uns spüren? Und wenn wir sie spüren, strahlen wir dann nicht automatisch nach außen, was uns ausmacht, und wo wir hin wollen? Öffnen wir uns dann nicht so oder so für das, was wir im Leben erleben wollen, wenn es in uns enthalten ist?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Vision und einer Sehnsucht. Das eine elektrisiert uns und macht uns wach, das andere vernebelt uns und nimmt uns gern auch den Weitblick und die Bodenhaftung.

Der Kern einer Vision ist immer im Mikrokosmos enthalten, also in uns. Hier beginnt der Weg. Hier – und nur hier beginnt die Suche, die Wanderung. Von hier gelangen wir in den Makrokosmos – und verstofflichen unsere Vision. Und das passiert meist ganz von allein, wenn die Vision einmal in uns aufgekeimt ist. Nur wenn wir im Mikrokosmos beginnen, sind wir in der Vision enthalten. Und weil wir dann in ihr enthalten sind, wird sie ganz von allein zum Leben erweckt.

Wenn wir versuchen, unsere Visionssuche im Makrokosmos zu beginnen, also außerhalb von uns, dann wird sie immer außerhalb von uns bleiben und gehört nicht zu uns, lebt nicht durch uns. Dann sind wir auf der Jagt nach etwas, getrieben vom Ziel, das wir nicht erkennen. Hier verlieren wir den Weitblick und gehen in den Nebel. Denn Erkenntnis kommt von innen, vom Mikrokosmos. Erkenntnis kommt von Einsicht, nicht von Aussicht.

Und hier liegt auch der Unterschied zwischen einer Vision und einer Sehnsucht. Die Ambition, etwas erreichen zu wollen, liegt in zwei entgegengesetzten Richtungen. Denn die Sehnsucht will nicht erreicht werden, oder das, was mit ihr verbunden ist. Sie kann nur leben, wenn sie nicht erreicht wird. Sobald sie erreicht wird, stirbt sie.

Was wir ersehnen liegt in jedem Fall außerhalb von uns und ist scheinbar auch dort verortet. Sehnsucht hat außerhalb von uns einen Ort, ein Ziel, ein Bedürfnis. Um das Gefühl der Sehnsucht aufrecht zu erhalten, darf dieses Bedürfnis nicht gestillt werden, zumindest nicht dauerhaft.

Eine Sehnsucht ist auch immer entweder in der Vergangenheit oder im Konjunktiv verortet, und in der Passivität. Gedanken wie „Es wäre so schön, wenn es wieder so sein könnte wie…“ sind typische Sehnsuchtsgedanken. Sie können nirgends ankommen, weil der, der sie denkt nicht in Bewegung kommen will. Weil Sehnsucht nur im Stillstand lebt.

Eine Sehnsucht überflutet uns. Eine Vision durchflutet uns.

Eine Vision fängt zunächst in uns selbst an zu leben, und wird nur dadurch, dass sie in uns ist, irgendwann in der äußeren Welt sichtbar. Wenn eine Vision anfängt, Form anzunehmen, dann lebt sie weiter und wächst. Und nicht nur die Vision lebt, sondern wir verkörpern die Vision, und daher belebt sie uns auch – und zwar bis in die letzte Zelle unseres Körpers.

Sie bewegt sich in uns und mit uns, und manifestiert unsere Zukunft in der Gegenwart. Sie kann sich verändern, sie inspiriert, sie wirkt auf unsere Umwelt, sie geht in den Austausch mit dem, der sie verinnerlicht hat und mit der äußeren Welt. Sie vereint den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos.

Wenn wir diese Art von Leben in uns spüren, wenn wir in uns entdeckt haben, wo wir hin wollen, was uns ausmacht und welche Potentiale in uns schlummern, werden wir ganz von allein in diese unsere Richtung wachsen und darin immer lebendiger werden. (Ines Otto 30.12.2020)