Grenzen und Freiheit, Bindung und Autonomie

Grenzen und Freiheit, Bindung und Autonomie

19.12.2021

Ich mag es, nach strengen Richtlinien zu musizieren und innerhalb dieser Richtlinien auszubrechen. Aber immer wieder zurückzukommen, denn sonst kann ich ja nicht mehr ausbrechen. Denn wenn ich einmal aus diesem Gefängnis herausgebrochen bin, dann bin ich nicht mehr frei. Dann bin ich allein. Ich bin, wenn man so will, ein Draufgänger. (Helge Schneider)

Im Spüren der eigenen Grenzen und die des anderen entsteht Kontakt. Wenn ich mich in einer Beziehung frei fühlen will, dann funktioniert das nur Grenze an Grenze. Nicht dem Anderen müssen Grenzen gesetzt werden, das hat langfristig noch nie funktioniert oder zu irgendwas gutem geführt. Nur wenn ich meine eigenen Grenzen spüre und sie benennen kann, kann Kontakt stattfinden; weil ich Kontakt zu mir selbst habe. Und zwar in dem Maße, dass ich bei mir selbst bleibe und gleichzeitig im Prozess mit dem anderen bin.

Wenn ich mich über meine eigenen Grenzen hinwegsetze oder versuche, die Grenzen des anderen zu verschieben, zu ignorieren oder zu verurteilen, dann entsteht Verstrickung und Verschmelzung und führt zu verwirrenden Konflikten. Denn dann kann ich mich nicht mehr souverän spüren, dann projiziere ich etwas in den anderen hinein. Dann sperre ich mich in mein eigenes Gefängnis und meine, der andere würde es mir aufbürden.

Innerhalb meiner Grenzen befindet sich meine Freiheit. Wenn sich in Beziehung meine Grenzen mit denen meines Gegenübers verwischen und verstricken, dann verwischt sich auch meine Freiheit (und die des anderen). Dann erkenne ich meine eigene Freiheit nicht mehr, ich werde handlungsunfähig.

Ich suche dann im Außen, bzw. bei meinem Gegenüber den Schlüssel zur Freiheit und sehe nicht, dass ich durch das Aufgeben meiner eigenen Struktur, meiner eigenen Grenzen mir selbst die Freiheit raube.

Wir können es auch Wert nennen und uns fragen: wo fängt mein Wert an und wo hört er auf. Wenn ich in meinem wahrhaftigen Wert lebe, kenne ich meine Grenzen und spüre genau dadurch meine Freiheit. Diese Freiheit hat nichts mehr zu tun mit ungeahnten Möglichkeiten im Außen, sie hat nichts zu tun mit großen Reisen um die Welt oder Unabhängigkeit im Sinne von „ich kann mir alles kaufen“. Diese Freiheit hat damit zu tun, dass ich weiß wo ich stehe, auf welchem Weg ich mich befinde und diesen auch gehe. Und weil ich ihn gehe, bin ich immer in Bewegung.

Und paradoxerweise oder auch logischerweise gibt mir diese Art von Freiheit tiefe innere Geborgenheit. Es kostet unglaublichen Mut, unsere Grenzen zu benennen und danach zu leben. Es kostet Mut, weil sich in diesem Bewusstsein eine Freiheit verbirgt, die nach innen geht. Und es kostet Mut, weil Grenzen konfrontieren, weil sie uns sichtbar machen, weil wir damit zeigen, wo wir anfangen und wo wir aufhören. Und nur so können wir uns in beidem bewegen: in Autonomie UND in Bindung. (Ines Otto 19.12.2021)