Glaubenssätze und unsere inneren Werkzeuge

Glaubenssätze und unsere inneren Werkzeuge

24.1.2021

Wir tragen alle unbewusste Glaubenssätze in uns. Jeder von uns glaubt bestimmte Dinge, über andere und über sich selbst, ohne sie zu hinterfragen. Sogar ohne zu wissen, dass es nur ein Glaube ist, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Wenn du z.B. fest daran glaubst, dass sich an deiner finanziellen Situation nichts ändern wird, oder dass du zu dick, zu klein oder nicht attraktiv genug bist, dann wird dir das auch immer wieder von der Außenwelt gespiegelt werden. Dann wird sich tatsächlich an deiner finanziellen Situation nichts ändern, und dann wird dir immer ein äußerer Blick oder eine Situation sagen, dass du genau das bist, was du über dich glaubst zu sein.

Unser Glaube tut alles dafür, bestätigt zu werden. Er schleicht sich permanent und unbewusst zwischen uns und unsere absichtslose Wahrnehmung. Je unbewusster ein Glaubenssatz ist, um so eher tun wir alles dafür, dass dieser Glaubenssatz erfüllt wird. wir suchen in unserer Umwelt, in unseren Beziehungen – ohne es zu merken – händeringend danach, unsere Glaubenssätze zu bestätigen.

Warum tun wir das? Weil wir ohne unsere Glaubenssätze ins tiefe Fühlen gehen müssten, und das macht uns verletzlich. Würden wir unsere Glaubenssätze aufgeben, dann wären wir radikal konfrontiert mit uns selbst, dann gäbe es da draußen niemanden mehr, den wir für unseren Weg, für unsere Haltung dem Leben gegenüber und für die Haltung uns selbst gegenüber verantwortlich machen könnten. Wir müssten die Verantwortung selbst übernehmen. Und das geht nur, wenn wir uns radikal spüren. Und das ist nicht immer angenehm. Wir wollen nur die schönen Dinge spüren, nicht die unangenehmen.

Die gute Nachricht ist, es macht uns nicht nur verletzlich, sondern stärkt uns von innen, wenn wir uns unserer Glaubenssätze bewusst werden, und sie so nach und nach loslassen können. Denn mit der Verletzlichkeit kommt ein Maß von innerer Freiheit dazu, die nichts mit einem Wollen im Außen zu tun hat. Wenn wir unsere Glaubenssätze gehen lassen können, entdecken wir unseren eigenen inneren Kompass wieder. Und das macht es uns möglich, in unsere ganz eigene Richtung zu gehen.

Natürlich kann es dennoch passieren, dass du zu wenig Geld hast, oder nicht die Körpergröße, die du dir wünschst. Aber dann wird dein Umgang damit und deine Haltung diesbezüglich anders sein. Du wirst nicht in die Haltung des Opfers gehen, und die Außenwelt für deinen inneren Zustand verantwortlich machen. Und was noch viel wichtiger ist:

Wenn du nicht mehr glaubst, dass du nicht attraktiv genug bist (um mal beim ersten Beispiel zu bleiben), dann wirst du deine eigene Attraktivität entdecken. Wenn du nicht mehr glaubst, dass sich deine finanzielle Situation nicht ändern wird, dann beginnt sich dein Blick in alle Richtungen zu weiten, und es tun sich Möglichkeiten auf, die du vorher übersehen hast. Ganz unabhängig von allem, was dir an Signalen und Kommentaren diesbezüglich von Außen kommuniziert wird.

Denn vor jedem Glaubenssatz nach außen steht die Selbstprophezeiung nach innen. Und das ist das eigentlich zerstörerische. Wenn du deinen Glaubenssatz aufgibst, dann bleibst du bei dir und bei deinem Kompass. Und noch eine gute Nachricht: Da es die Selbstprophezeiung ist, die uns lenkt, können wir uns immer wieder bewusst machen, dass jeder sein eigener Schöpfer ist. Wir selbst tragen die Werkzeuge in uns, um einen Wandel herbei zu führen. Wir brauchen nichts bestimmtes im Außen, um das zu tun.

Was wir allerdings brauchen, ist der Mut, die Glaubenssätze aufzuspüren und ins Bewusstsein zu rufen, um sie zu entlarven. Dies bedarf einer Selbstkonfrontation, die nichts mit Streitgesprächen oder äußeren Aktionen zu tun hat. Die Konfrontation mit uns selbst passiert in der Stille. Nur hier begegnen wir uns selbst, nur hier können wir genau hinschauen, was uns lenkt und führt.

Das bedeutet nicht, dass wir alle jetzt ins Kloster gehen müssen, um uns „selbst zu spüren“. Im Gegenteil, wir brauchen den Wechsel zwischen Innenschau und dem Kontakt nach außen. Meist überwiegt aber der Kontakt nach außen, gerade in Situationen, in denen wir unbewusst agieren. Dafür gibt es ja dann auch die passenden Beschreibungen wie: „Ich war außer mir vor Entsetzen“, „ich war nicht ganz da“ oder „ich stand ein bisschen neben mir“. Und das treibt uns weg von uns selbst. Um in solchen Situationen sich nicht selbst zu verlassen, kann es hilfreich sein, sich immer wieder selbst „zurückzuholen“. Das bedeutet, dass wir – vorausgesetzt wir wollen unsere Glaubenssätze aufspüren – uns regelmäßig aus der Außenwelt abmelden, um nach unserem inneren Kompass zu schauen.

Manchmal reicht es, kurz durchzuatmen, bevor wir auf eine schwierige Frage oder eine Verletzung reagieren. Noch tiefer gehen wir mit regelmäßigen Meditationen, weil wir hier unsere Gedanken beobachten können und so unseren Verstand sozusagen auf frischer Tat ertappen können, wenn er versucht, uns seine Glaubenssätze zwischen unsere Wahrnehmung zu schieben. Hilfreich ist auch, wenn wir in schwierigen Situationen zunächst für uns selbst unser Körpergefühl wahrnehmen. Das belügt uns nämlich nie, und ist ein gutes Mittel, uns zu uns „zurückzuholen“. Und bevor wir in einer uns verletzenden Situation oder einem schweren Gespräch sofort reagieren, ist es hilfreich, unser Körpergefühl zu beschreiben, sei es auch nur für uns selbst.

So kommen wir vom Re-agieren ins Agieren. Die Stille erst macht es uns möglich, aktiv zu werden. Und aus der Gefangenschaft unserer Glaubenssätze herauszutreten. Bewusstes Innehalten – und sei es auch nur für Sekunden – ist ein guter Weg, uns selbst zu führen und eine Akzeptanz für unsere Unzulänglichkeiten zu entwickeln, hinter unsere Glaubenssätze zu schauen und eine liebevolle Neugier für all unsere Ecken und Kanten zu entwickeln.

Sobald wir unsere Unzulänglichkeiten betrachten, ohne etwas damit zu tun, geben wir den Widerstand gegen uns selbst auf. Wir beginnen, unser Wesen zu fühlen und tief in unser Wissen hineinzufallen, dass in all diesen Unzulänglichkeiten ein großer Schatz liegt. Nämlich das Werkzeug, uns selbst zu gestalten. (Ines Otto 24.1.2021)