Bauch, Herz, Kopf

Bauch, Herz Kopf – die Energiezentren des Enneagramms

26.9.2020

Wir haben in unserem Körper psychologisch gesehen drei Energiezentren oder Betriebssysteme: Bauch, Herz und Kopf – sie steuern unsere Denkmuster, Glaubenssätze und Handlungsimpulse. Im Enneagramm werden diese Energiezentren auch Triaden genannt.

Mit einer der drei Grundenergien ist jeder Menschen primär ausgestattet. Die Primärenergie bildet die Grundlage für unsere psychische Struktur. Die anderen beiden Zentren sind entsprechend nachgeordnet. Sie spielen eine genauso wichtige Rolle, sind aber nicht der Ausgangspunkt für die Handlungs- und Wahrnehmungsstrukturen eines Menschen.

Ich gehe weiter unten noch genauer darauf ein, aber grob vorweg beschrieben umfasst die Bauchenergie das Thema Autonomie, die Herzenergie das Thema Beziehung und die Kopfenergie das Thema Sicherheit.

Primärenergie bedeutet allerdings nicht, dass die entsprechenden Ressourcen reichhaltiger oder vielfältiger sind, als in den anderen Zentren. Es bedeutet, dass die dazugehörige Energie (meist unbewusst) im Alltag an erster Stelle in Aktion tritt. Oft werden die Beweggründe und die Ausgangspunkte für Aktion und Reaktion im alltäglichen Leben nicht in ihrer Tiefe erkannt. Es ist oft schwer einzuschätzen, ob ein Gefühl im Herzen oder im Bauch verortet ist. Oder wie viel Eigeninterpretation zu einer Situation hinzugedacht wird.

Es sei an dieser Stelle betont, dass keines der Energiezentren besser oder schlechter ist. Sie sind alle drei gleichermaßen wichtig für unser Überleben, unsere Interaktion und für den Überblick über unsere Handlungen. Je bewusster wir uns aber unserer Primärenergie werden und wie sie unseren Alltag bestimmt, um so mehr können wir die beiden untergeordneten Energiezentren in unser Leben integrieren und die oft überlastete Primärenergie entlasten.

Was bedeutet nun Bauchenergie, Herzenergie und Kopfenergie im einzelnen?

Die drei Energiezentren, oder Triaden des Enneagramms, repräsentieren die drei zentralen menschlichen Bedürfnisse. Diese drei Grundbedürfnisse – Autonomie, Beziehung und Sicherheit – sind Oberbegriffe, in denen sich die meisten Interessen von Menschen widerspiegeln. Auch die Reihenfolge: Bauch, Herz, Kopf ist im Zusammenhang mit unserer Evolution und wie sich unser Gehirn dadurch entwickelt hat wichtig.

Bauchenergie: Die Bauchenergie ist eine territoriale, instinkthafte Energie und damit die ursprünglichste Energieform, und die erste Instanz, die das menschliche Gehirn formte. Hier geht es primär um die Frage: „Wie überlebe ich? Was ist mein Raum, meine Autonomie? Was ist der Raum vom anderen und wie wirkt sich das auf meinen Raum aus?“ Im Ursprung geht es hier um impulshaftes Handeln, das das Überleben garantiert. Menschen, die primär in der Bauchenergie verankert sind, haben vorrangig das Thema Autonomie, Raum und Handlung.

Impulse sind wichtig, um ins Handeln zu kommen. Handeln bringt Freiraum für Autonomie. Impulse haben die Eigenschaft, sehr schnell zu sein, sie reagieren ohne zu zögern auf die jetzige Situation. Das kann für das Überleben nützlich sein und uns Raum verschaffen. Impulse sind aber auch sehr unberechenbar. Wenn sie zu unkontrolliert sind, kann es passieren, dass die Autonomie, die damit erschaffen werden soll, ins Gegenteil kippt. Wenn also die Bauchenergie so dominant ist, dass sie die Herzenergie (Gefühl) und die Kopfenergie (Orientierung) verdrängt oder unterdrückt, wird der Fokus auf die Welt klein und sehr einseitig.

Herzenergie: Die Herzenergie steht für den emotionalen Bereich, hier geht es um Beziehung und Kontakt. Die Frage lautet: „Wie stehe ich in Beziehung zu anderen und welche Qualität hat der Kontakt?“ Diese Frage wurde wichtig, als sich der Handel und die Landwirtschaft entwickelte und die Menschen sesshaft wurden. Die Menschen wurden abhängig von einem Austausch, der vom Geben und Nehmen im weitesten Sinne handelt. Der emotionale Zusammenhalt, die Identifikation mit einem bestimmten Image wurde wichtig. In der Herzenergie geht es primär um das Geliebt-werden, In-Kontakt-sein und Anerkannt-werden. Menschen, die primär in der Herzenergie verankert sind, sind also mit dem Thema Beziehung, Kontakt und Gefühl im ersten Rang unterwegs.

Gefühle machen es möglich, dass wir uns emotional auf andere und auf uns selbst beziehen, so dass ein Kontakt entsteht. Gefühle machen uns empfindsam auf der einen und verletzlich auf der anderen Seite. Wenn wir hier aus der Balance geraten, weil die eine Seite mehr betont ist, als die andere, kann uns das sehr durcheinander bringen. Wenn wir in einem sachlichen Kontext zu emotional reagieren und unsere Gefühle nicht mehr steuerbar sind, dann erleben wir das meist als unangenehm. Wenn wir hingegen im privaten Kontext unsere Gefühle zu sehr verstecken, werden wir eventuell als kalt oder unnahbar wahrgenommen. Auch hier geht es um eine ausgewogene Balance zwischen zu viel und zu wenig.

Kopfenergie: In der Kopfenergie geht es um Sicherheit, Orientierung und Überblick. Die zentrale und oft unbewusste Frage lautet: „Wie kann ich sicher stellen, dass ich den Überblick nicht verliere?“ Diese Themen wurden wichtig mit der Entwicklung von Städten und der Industrialisierung. Damit einhergehend entwickelten sich abstrakte Strukturen, die das Leben erleichtern sollten, Lebensinhalte wurden weniger direkt „greifbar“. Vorstellungskraft, Planen und in die Zukunft denken wurde wichtig. Da diese Struktur des in-die-Welt-blickens sich aber vom direkten Erleben weg bewegt, steht für Menschen, die in der Kopfenergie primär verankert sind, die Frage der Orientierung und Sicherheit hier an erster Stelle.

Vorstellungen dienen dazu, sich eine Orientierung zu verschaffen, damit Sicherheit entsteht. Vorstellungen sind schnell und vermischen sich oft mit unserem direktem Erleben und Empfinden, so dass der Eindruck entstehen kann, beides sei eins. Wir können zu wenig Vorstellungskraft haben, beispielsweise bei der Frage, was in Zukunft alles möglich ist. Das können wir gut überprüfen in Situationen mit Freunden, wenn z.B. die Frage aufkommt: „Hättest du damals gedacht, dass du mal diesen Job haben wirst?“ o.ä. Wir können aber auch zu viel Vorstellungskraft haben. Das passiert, wenn unsere „Phantasie mit uns durchgeht“, und wir keinen Blick mehr haben für die Realität. Wenn wir uns etwas vorstellen, erträumen oder befürchten, was abgehoben von der eigentlichen, realen Situation steht. Beides nimmt uns eher Orientierung, und gibt nicht unbedingt Sicherheit. Es bedarf also auch hier einer Ausgewogenheit, die sich durch die Integration der Herz- und Bauchenergie einstellen lässt.

Die drei Energiezentren zu erfassen, bewusst zu erspüren und zu erleben, ob und welches Zentrum dominiert, bedarf einem Wechselspiel aus theoretischer Auseinandersetzung, dem Austausch mit Menschen, die sich ebenfalls mit dem Enneagramm befassen und einer bewussten Selbstbeobachtung im Alltag. Die Enneagramm-Triaden müssen also erlebbar gemacht werden. Es gilt vor allem, ohne Urteil darin zu wachsen und nicht, sich daraus zu lösen. Unsere individuellen Energiezentren sind uns eigen und bergen ein großes Potenzial, sobald wir sie bewusst integrieren und aus einem „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ins Gleichgewicht bringen. (Ines Otto, 26.9.2020)